Leseprobe

Das Blut des Dämons (Dark Fantasy)

[...]
Wie lange wollte ich die Augen davor verschließen? Leugnen, was von Anfang an nicht zu leugnen war? – Die Krämpfe. Das Rebellieren ihres Magens in immer kürzeren Abständen. Die Erschöpfung. – ’Ein Magen-Darm-Virus. Menschen werden nun einmal von Zeit zu Zeit krank. Es wird mir bald besser gehen.’ Und ich habe ihr geglaubt. Weil ich ihr glauben wollte.
Hätte es etwas geändert, wenn sie mir gleich erzählt hätte, was Bastien in jener Nacht in der Lagerhalle zu ihr gesagt hat? Dass es sich mit ihr
‚demnächst erledigt’ hat. Hätte ich es aufhalten können, wenn ich es früher gewusst hätte? Gewusst! Pah! Wenn ich früher die Augen aufgemacht hätte.
Ich werde sie halten, so lange ich kann. Ihre Haut ist durchscheinend wie Porzellan. Und kalt. Ich kann die Adern darunter sehen. Bläuliche, feine Linien. Mit jedem Tag wird sie schwächer.
Zu wie vielen menschlichen Ärzten habe ich sie gezerrt? Ich weiß es nicht. Es waren nicht viele. Wozu auch? Sie hätten ihr niemals helfen können. Samuel hat ihren Wandel viel zu früh erzwingen wollen und ihre Chemie vollkommen durcheinandergebracht. Ihr Körper weiß nicht mehr, was er ist: Mensch oder Lamia.
Und keiner kann ihr helfen. Auch Vlad nicht. – Fürst Vlad. Sollte er je erfahren, wie es seiner Großnichte geht, wird er sie mir wegnehmen. Ich kann ihm nichts davon sagen.
Deshalb bin ich hier. Ich bin auf mich gestellt. – Und treffe selbstsüchtig eine Entscheidung, die eigentlich ihre ist. Weil ich mich an etwas klammere, an das ich selbst niemals geglaubt habe: Legenden. Legenden über das Blut der Allerersten.
Ihretwegen verrate ich mein Legat als Kideimon. Papas Erbe. Das Einzige, was mir von ihm geblieben ist. Ich breche das Wort, das ich ihm gegeben habe. Und es ist mir egal. Ebenso, wie es mir egal ist, dass Adrien dagegen ist.
‚Beende es! Jetzt! Du weißt, wo es hinführt!’ Seine Worte hallen noch immer in meinem Kopf. Jedes einzelne wie ein Stich ins Herz. Ja, ich weiß, wo es hinführt. Qual. Wahnsinn. Tod. Ich war auch an dieser Schwelle, Bruder. Selbst wenn es nur den Hauch einer Hoffnung gibt, das Blut könnte verhindern, dass sie stirbt. Selbst wenn das bedeutet, dass ich mich mit dir überwerfen muss. Ich lasse es mir nicht verbieten.
„Wir gehen gleich in den Landeanflug, Sir. Wenn Sie sich bitte anschnallen“, meldet sich der Pilot von di Ulderes Gulfstream über die Bordsprechanlage. Dafür, dass er mir die Maschine überlassen hat, stehe ich noch tiefer in seiner Schuld.
Kaum merklich legt der Jet sich in eine Kurve, bricht durch die Wolken. Das Meer ist für einen Novembertag überraschend blau und klar. Die Sonne funkelt auf seiner Oberfläche. Vor der Küste Pomègues, Ratonneau, Tiboulen und d’If mit dem alten Château …
Marseille. Die Stadt, aus der ich seit nahezu einem Menschenleben bei Todesstrafe gebannt bin.
Ich habe keine andere Wahl.
Mein Leben stirbt.
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